Die alltäglichen Wunder des Lebens, die wir nicht mehr sehen

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In Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen

Schauen sie denn nicht zu den Kamelen, wie sie erschaffen worden sind,

und zum Himmel, wie er emporgehoben worden ist,

und zu den Bergen, wie sie aufgerichtet worden sind,

und zur Erde, wie sie flach gemacht worden ist?

– Sura 88 al-Gasiya, 17-20 –

In hunderten Koranversen wird zum Nachdenken und Nachsinnen aufgerufen, wie auch in den oben genannten Versen. Der Mensch soll sich der Allmacht und der grandiosen Fürsorge Allahs bewusstwerden und so seine Bindung zu ihm stärken. Leider wird das nur allzu wenig getan, obwohl doch der ehrenwerte Prophet sprach: „Eine Stunde Nachsinnen (= Taffakur) ist mehr wert als das Verrichten von einem Jahr freiwilligen (= Nāfila) Gebete.“1

Bediuzzaman spricht im ersten Wort davon, dass alle Geschöpfe in der Sprache ihres Zustandes „Bismillah“ sagen und vergleicht diese mit einem Beamten, der im Namen des Staates und in Namen Gesetzes handelt. Dieser augenscheinlich schwache Mann kann solch große Arbeiten vollbringen, indem er sich auf die Macht des Staates stützt. So setzt er seinen Willen auch jenen Menschen gegenüber durch, die viel stärkere und zahlreicher sind.

In Namen Allahs tragen winzigen Samenkörner gleichsam riesige Bäume auf ihren Häuptern und heben Lasten schwer wie Berge. Sie füllen ihre Hände mit Früchten aus der Schatzkammer der Barmherzigkeit und bieten sie uns der Speise an. Ein jeder Garten gleicht einem Kessel aus der Küche der Macht, in dem die verschiedensten Sorten köstlicher Speisen gemeinsam zubereitet werden. Jedes gesegnete Tier wie etwa die Kuh, das Kamel, das Schaf und die Ziege wird zu einer Milchquelle aus der Fülle der Barmherzigkeit. Sie bieten uns im Namen des Versorgers die schönste und reinste Nahrung gleich dem Elixier des Lebens an. Die seidenweichen Wurzeln der Gräser, Pflanzen und Bäume durchbohren und durchdringen harten Stein und Erde. Sie sagen: In Namen Allahs, im Namen des Erbarmers und alles unterwirft sich ihnen in Ergebenheit.

Der Mensch ist heutzutage so sehr mit sich selbst und seinem Unterhalt beschäftigt, dass er solch Wunder wie die obigen, die jeden Tag um ihn herum passieren, gar nicht mehr bemerkt. Alles muss sich um ihn drehen. Ihm ist zwar bewusst, dass ein Leben ohne diese Dinge nicht möglich ist, dass diese Dinge für seine Versorgung und sein Fortleben auf der Welt von enormer Wichtigkeit sind, aber mehr auch nicht. Die Fülle an Gnadengaben und der ständige Verzehr von diesen trägt nicht zuletzt zur dieser unfassbaren Ignoranz und Gleichgültigkeit im Menschen bei. Alles ist selbstverständlich geworden. Nicht zu Unrecht wird der Mensch auch „Gewohnheitstier“ genannt. Als wäre seine Ignoranz gegenüber seinem Herrn nicht genug, fängt er diesmal an sich sogar zu beschweren, weil es mal nicht so wie gewohnt geschieht. Diese alltäglichen Wunder sieht der Mensch leider nicht. Ihnen gegenüber ist er blind.

Wahrscheinlich würde auch ein Wunder des ehrenwerten Moses nicht weiterhelfen, bei dem sein Stab gegen den Felsen schlägt und zwölf strömende Wasserquellen hervorbringt.

Oder solch ein Wunder des ehrenwerten Abraham, als er in das riesige Feuer geschleudert wird und dieses für ihn kühl und friedlich wurde.

Sowie das Volk Moses die Gnadengaben Allahs nicht zu schätzen und zu würdigen wusste, ja sich im Gegenteil sogar darüber lustig machte, so ist der Mensch heute nicht viel anders gestimmt, wenn er die seidenweichen Wurzeln beobachtet, wie sie Gestein spalten. Heute ist Religion für viele nichts anderes als ein schlechter Witz. Bekanntlich besagt ein berühmtes, deutsches Sprichwort: „Wer zuletzt lacht, lacht am besten!“

Auch Namrud hat von seinem Stolz und Ego nicht abgelassen nachdem er den ehrenwerte Abraham ins Feuer werfen ließ und hiernach beobachtete, dass diese ihm nichts anhaben konnte. Gleichsam sind wir nicht sonderbar beeindruckt, wenn wir die hauchdünnen Blätter in der brennenden Hitze der Wüste betrachten. Wir sagen uns ebenso wenig von unserem Ego ab, wie Namrud. Wie könnten wir auch?

Es macht kein Unterschied in welcher Form Allah seine Macht und Barmherzigkeit uns demonstriert, sei es mithilfe von atypischen Ereignissen, wie es bei den Propheten der Fall war, oder Dinge, die man jeden Tag draußen erlebt. Es kommt allein auf die Einsichtsfähigkeit des Menschen an.

Zum Schluss noch einen letzten Vers, der nochmal zum Nachdenken anregen soll. Auf dass wir aus unsere Gottvergessenheit erwachen und zur Einsicht kommen. Inshā’Allah.

Und sie fügten nicht Uns Unrecht zu, sondern sich selbst fügten sie Unrecht zu.

– Sura 7 al-A’raf, 160 –

 

1 Suyutî, Camiu’s-Sağir, II/127; Aclûnî, I/310.